Generation Y und das Glücksgen


Submitted by GHO Deutschland on Sun, 2014-11-09 21:48

Immer öfter wird in verschiedenen Medien von ihr gesprochen, der Generation Y, die als Thema mittlerweile kein reines Internetphänomen mehr zu sein scheint. Klar ist, es handelt sich um die Generation nach den Babyboomern und der Generation X. Aber wer oder was ist denn genau die Generation Y? Es kann wie bei allen Generationen nur grob umrissen werden: Die Mitglieder der Generation Y sind zwischen dem Ende der siebziger Jahre und der Mitte der Neunziger Jahre geboren worden. Die meisten von Ihnen sind damit auch Digital Natives, d.h. Personen, die in Ihrer Kindheit schon früh mit digitalen Geräten in Berührung gekommen sind und mit Computern, Gameboys, CD-Playern, Mobiltelefonen und dem Internet aufgewachsen sind. Dadurch, so die Autorin Steffi Burkhart1, zeichnen sich diese Menschen oft als sehr gut und weltweit vernetzt aus, wurden von den Eltern zumeist sehr lange unterstützt und weisen deshalb mehr Gebildete und Studenten als die vorherigen Generationen auf. Sicherlich liegen auch im vermehrten interkulturellen Austausch und den Möglichkeiten des Internets einige Gründe für die permanente Hin- und Hergerissenheit dieser Generation zwischen Sicherheit und Abwechselung (sowohl im Liebesleben, als auch in der Ausbildung, als auch in den Hobbies und den Freundschaften). Von daher wird synonym zur Generation Y auch wahlweise von der Generation Maybe oder der Generation Praktikum gesprochen2. Die Wirtschaftsjournalistin Kerstin Bund3 nennt als Eigenschaften und Hauptwünsche der Generation Y, dass Arbeit und Freizeit gut miteinander vereinbar sein sollten (Stichwort Work-Life-Balance), generell flexible Hierarchien sowie Arbeitszeiten vorausgesetzt werden und sich die Y-er einfach in Leben und Beruf selbst verwirklichen wollen.

Doch die Selbstverwirklichung (auch in empirischen Umfragen belegt)Odgers Berndtson (2013): Manager-­Barometer 2013: Führung verliert an Attraktivität: "Selbstverwirklichung bei der beruflichen Tätigkeit ist Führungskräften in Deutschland wichtiger als ihre Führungsaufgabe." Abrufbar unter: http://www.odgersberndtson.de/de/presse-events/pressemitteilungen/artik…] und die große Auswahl der Möglichkeiten birgt auch Schattenseiten: Der soziale Vergleich und Druck erfolgreich zu sein nimmt durch die jederzeit und überall verfügbaren und scheinbar omnipotenten Massenmedien zu. Denn mittlerweile gibt es in Europa und darüber hinaus nicht mehr die Freiheit von gesellschaftlichen Zwängen, sondern auch diese omnipräsente Freiheit fast alles realisieren zu können, sodass ein Zwang entsteht diese Freiheiten zu nutzen und auch den bestmöglichen Weg zum Erfolg und zum Glück einzuschlagen – für die einen in Castingshows, für die anderen im selbstgebastelten Karrierebereich. Es gibt also nicht nur die Chance, sondern auch den Druck zur Selbstverwirklichung für die Generation Y. Als Ausgleich dazu sehen mehrere Journalisten bei der Generation Y eine gewisse Selbstüberschätzung und zu hohe Erwartungen an die moderne Arbeitswelt als offene, zeitflexible, hierarchienarme und superbezahlte Umgebung, in der die Generation Y sich nach freiem Willen austoben kann. Denn mit viel Bildung, viel Selbstbewusstsein, vermehrtem sozialen Vergleich und wenig Orientierung kann dieser Eindruck schon mal schnell für den ein oder anderen entstehen.

Allerdings entstehen der Selbstverwirklichungsdruck und die hohen Erwartungen nicht nur durch die sozialen Vergleiche in den Netzwerken und den Medien generell, sondern auch durch fehlende Sicherheit. Es wird alles hinterfragt und kritisch überprüft. Keine Generation vorher war so früh desillusioniert wegen der hohen Korruptions- und Lobbyistenrate in der Politik, dem scheinbar nicht mehr aufzuhaltenden Klimawandel, der Massenmedienmanipulation, den teils Work-Life-Balance-unwürdigen Arbeitsbedingungen, etc.
Die Generation Y hat von den Eltern gelernt, dass das Schema einfach nur hart arbeiten, um Sicherheit für die persönliche Zukunft zu garantieren, letztlich nicht mehr funktioniert in der vollständig globalisierten Welt.

Zudem haben die Eltern, die oft Teil oder Sympathisanten der Hippie-Jugendkultur und der 68er Protestbewegungen (von Anfang der Sechziger Jahre bis zur Mitte der Siebziger) waren, einerseits für die Befreiung von Tabus und gesellschaftlichen Zwängen gekämpft und viel erreicht. So zum Beispiel Minderheitenrechte, Emanzipation, sexuelle Freiheiten, liberale Erziehung, weniger Autoritätshörigkeit an den Bildungseinrichtungen. Der Preis für den Kampf gegen das Establishment war allerdings der, das sich die neue Freiheitswelle letztlich auch auf das Rad des Kapitalismus ausgewirkt hat, und sich dies nur noch schneller dreht seitdem. Die damals Aktiven und heutigen Eltern der Generation Y bilden nun den Großteil des Establishments und haben damalige Wertvorstellungen gegen eher neo-konservative ausgetauscht. Diese Protest- und Revolutionsgeneration und heutigen Eltern haben sicherlich viel bewegt, aber nur Symptomatiken pathologischer Gesellschaftszustände verändert, anstatt dessen Wurzeln. Deshalb müssen die Mitglieder der Generation Y sich ständig anhören wie schlecht die Welt doch ist mit dem Klimawandel, der Finanzkrise, den vielen Kriegen, etc. ohne das scheinbar viel verändert werden kann. Denn richtige Gegenkulturen wie die 68er gibt es nicht mehr und kann es in Zeiten von Massenausspähung und Eingliederung von subversiven Subkulturen wie Punk, Hiphop oder neuerdings die der Hipster in den Mainstream der Werbung, der Modewelten und generell des Konsums nicht mehr geben. Die Sozialwissenschaftler und Philosophen Adorno und Horkheimer haben schon Mitte des 20 Jh. in ihrer Dialektik der Aufklärung aufgezeigt, dass die Kulturindustrie als verlängerter Arm der Wirtschafts- und Großkapitalinteressen sämtliche Gegenbewegungen aufgreift und diese als Teil des Ganzen konsumartig und massenhaft reproduziert und somit entpolitisiert. Neue Bewegungen werden entweder trendy oder stattdessen massenmedial runtergemacht, bevor sie richtig politisch werden können. Wem haben wir alle das zu verdanken? Den Eltern der Generation Y, die für Werte gekämpft hat und nun zumeist selbst den Verlockungen der Anpassung und des Geldes erlegen sind. Deshalb verhalten sich viele der Generation Y sowohl oberflächlich anpassend, als ebenso synchron progressiv und innovativ. Das wurde ihnen von ihren Eltern mitgegeben, genauso wie die Unsicherheit auf Grund der vielen Optionen (Stichwort Multioptionsgesellschaft), der vielen offenen Gesellschaftsprobleme, der Unsicherheit bzgl. der persönlichen Jobzukunft. Natürlich sind es am Schluss partiell andere, teilweise aber auch die gleichen Probleme wie die der Elterngeneration, mit denen die Generation Y zu kämpfen hat. Und das sie anspruchsvoller ist als alle vor ihr – da besser ausgebildet als vorherige Generationen – ist gleichfalls normal, da jede Generation etwas verändern möchte.

Was sind also die Essenzen aus dem vorher beschriebenen: Bei der Generation Y handelt es sich tendenziell um eine digital-kompetente, gut vernetzte, eher hochgebildete Generation, die einen gewissen Druck zur Selbstverwirklichung und gleichzeitig fehlende Zukunftssicherheit verspürt. Bewusst oder unbewusst halten sich daher viele der Y-er möglichst mehrere individuelle Zukunftsoptionen offen und versuchen sich permanent weiterzubilden und neues auszuprobieren (mehr noch als ihre Eltern). Teilweise versuchen daher die Eltern einiges dieses Zeitgeistes, wie den Smartphone-Umgang, von ihren Sprösslingen zu erlernen.

Macht dies die Generation Y nun eher glücklicher als vorherige Generationen oder doch eher weniger glücklich? In der Shell JugendstudieShell Jugendstudie 2010: http://www.shell.de/aboutshell/our-commitment/shell-youth-study/2010/op…] (aus Deutschland) von 2010 wird beschrieben, dass ein Großteil der Jugendlichen positiv in die Zukunft schaut und optimistisch ist. Das gilt allerdings zumeist nur für die Jugendlichen aus dem Mittelstand und den Oberschichten. Jugendliche aus ärmeren Familien sind in den letzten Jahren eher pessimistischer geworden. In einer Befragung aus dem Jahr 2012 vom Nationalen Amt für Statistik des Vereinigten KönigreichsOffice for National Statistics (2012): Measuring National Well-being - Measuring Young People's Well-being: http://www.ons.gov.uk/ons/dcp171766_282241.pdf[/fn] zeigt sich, dass die 16-21jährigen (also Geburtengänge von 1991 - 1996) am zufriedensten mit ihrem Leben sind. Die 22 jährigen und darüber weisen laut Befragung nur eine durchschnittliche Lebenszufriedenheit auf. Beide Studien müssen allerdings unter dem Altersaspekt gesehen werden, denn bei der Messung der Lebenszufriedenheit hat sich weltweit herauskristallisiert, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit in U-Form mit dem Alter korreliert, d.h. viele Menschen sind zufriedener als der Durchschnitt mit ihrem Leben, wenn sie noch unter Anfang zwanzig Jahre alt sind oder älter als fünfzig etwa. Dazwischen sinkt durch den rapiden Anstieg der Verantwortung für die eigene Karriere, die eigene Familiengründung, die eigene Wohnung, etc. im weltweiten Durchschnitt und auch in Europa die allgemeine Lebenszufriedenheit.

Mehr Aufschluss bringt die Eurofound Lebensqualitätsstudie aus dem Jahr 2011Eurofound (2011): Third European Quality of Life survey: http://epp.eurostat.ec.europa.eu/statistics_explained/index.php?title=F…]: Anhand der Tabelle lässt sich genau erkennen, dass die allgemeine Lebenszufriedenheit je nach Land und nach Altersgruppe erheblich divergiert, das also in Deutschland die Alten viel zufriedener sind als alle anderen (auch die Generation Y), während es in Bulgarien oder Litauen genau umgekehrt ist und die Generation Y die zufriedensten sind. In Finnland und den Niederlanden bspw. verhält es ziemlich ausgeglichen. Es kann also nicht davon ausgegangen werden, dass die Generation Y weniger oder mehr Glück empfindet als andere Generationen. Möglicherweise greifen die Definitionen der Generation Y auch etwas kurz. Denn eins ist sicher: Diese Generation ist vielfältiger als alle vorherigen. Es gibt Vertreter, die sehr heimatverbunden und gering gebildet sind genauso wie hochgebildete, weltgewandte, junge Erwachsene und alle sind sie Vertreter der Generation Y. Die ihnen als Generation Y zugeschriebenen Eigenschaften passen also nur tendenziell und treffen nur partiell zu. Aber als glücklicher oder unglücklicher zu konstatieren als vorherige Generationen sind sie generell nicht.

  • 1. Steffi Burkhart (2014): Einmal Tacheles bitte!: Wie tickt denn nu die Generation Y?!
  • 2. Manchmal auch eher einseitig von der Irgendwas-mit-Medien-Generation.
  • 3. Kerstin Bund (2014): Glück schlägt Geld. Generation Y: Was wir wirklich wollen.