Brauchen wir Gerechtigkeit um glücklich zu sein?


Submitted by GHO Deutschland on Do, 03/12/2015 - 20:50

Am 20.Februar war es wieder soweit: Der seit 2009 jährlich stattfindende Welttag der sozialen Gerechtigkeit stand auf dem Kalenderblatt. Der von den Vereinten Nationen ins Leben gerufene Tag soll an einen wichtigen Kerngedanken im menschlichen Zusammenleben erinnern, die Garantie der Verteilung von Rechten und Gütern, sodass menschenwürdiges Leben für einen Jeden garantiert ist. In Deutschland ist eine Grundsicherung der Existenz garantiert, jedoch scheint sie im Auge der Bürger immer mehr abzunehmen. Das wirkt sich gleichzeitig stark negativ auf die Zufriedenheit, ein Maßstab zum Messen des langfristigen Glücks, aus.

Siehe dazu: 1

Die Studie „Soziale Gerechtigkeit in der OECD – Wo steht Deutschland?: Sustainable Governance Indicators 2011“2 der Bertelsmann Stiftung attestiert im Vergleich von 31 OECD-Ländern Deutschland nur ein mittelmässiges Abschneiden im Bezug auf Gerechtigkeitsfragen. So wurden als Untersuchungskategorien die Themenbereiche Armutsvermeidung, Bildungszugang, Arbeitsmarktinklusion, Gleichverteilung der Einkommen, Integration und das Feld Generationengerechtigkeit analysiert. Besonders bei den Aspekten Kinderarmut, Zugangsschwierigkeiten zu den Bildungsinstitutionen für Personen aus sozioökonomisch schwach gestellten Haushalten, steigende Raten des auseinanderdriftens der Einkommenslevel von Gering- und Spitzenverdienern und bei den Integrationsmaßnahmen hat Deutschland starke Gerechtigkeitsmängel aufzuweisen, was letztlich gesamtgesellschaftlich zu negativen Auswirkungen auf die Zufriedenheitswerte führt.

Weitere Studien bestätigen das Stimmungsbild: Laut den Ergebnissen des Wohlfahrtssurveys von 19983 sehen 63 % in Westdeutschland und nur 33 % in Ostdeutschland die Soziale Sicherheit als verwirklicht an, d.h. es gibt gefühlt eklatante Bedenken bzgl. des Funktionierens der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland. Von Seiten der Bürger gibt es in der repräsentativen Studie noch mehr zu beklagen: Die Solidarität mit Hilfsbedürftigen (49 % in West- und nur 37 % in Ostdeutschland sehen dies als verwirklicht an), Chancengleichheit bzgl. der Selbstentfaltung unabhängig von der individuellen Herkunft (45 % in West und nur 23 % in Ostdeutschland glauben das dieses Prinzip real in Deutschland funktioniert) und ebenso bei dem Punkt gerechte Verteilung des Wohlstands (29 % in Westdeutschland und 8 % in den neueren Bundesgebieten halten dies für verwirklicht)4.

Mit solchen Umfragewerten sinkt natürlich auch deutlich die Gesamtlebenszufriedenheit der Bürger in Deutschland. Wie die Zahlen erkennen lassen, sind die Phänomene nicht neu und die Grundgedanken dahinter an sich sogar noch viel älter: Schon aus Platons damaliger Sicht bedarf es eines mit sittlichen, gerechtigkeitsliebenden und moralischen Maßstäben geführten Lebens, dass darauf abzielt das Gute (für die Person und die Gemeinschaft) zu erreichen. Dadurch könne der Mensch die in ihm innerlich angelegte Idee des Guten anstreben und Weisheit erlangen: „Für das gute und glückliche Leben soll allein entscheidend sein, ob jemand Weisheit erlangt“5. Glück basiert für ihn immer auf Sittlichkeit und den ethischen Vorstellungen der menschlichen Gemeinschaft. Die Forderungen nach Sittlichkeit und Gerechtigkeitsliebe tauchten ebenso später wieder auf, bspw. in der französischen und nachfolgenden Revolutionen. Hier wurde das Recht auf Eigentum und Besitz gefordert, und im Sinne Kants auch Chancengleichheit, ähnlich wie im 20 Jh. auch John Rawls oder vor ihnen Helvetius, der ebenso eine Chancengleichheit in seiner Philosophie vorsah und für den soziale Ungleichheit als bekämpfenswert galt6. Das sind einige der ursprünglichen Verknüpfungen von Glück und gesellschaftlicher Gerechtigkeit.

Die Einkommens- und Vermögensverteilung spielen im Sinne der Verteilungsgerechtigkeit der Ressourcen heutzutage neben der Geschlechtergerechtigkeit eine wichtige gesellschaftliche Rolle.

Das hier gezeigte Schaubild zur verdeutlicht nochmal die Zusammenhänge im internationalen Vergleich zwischen der Einkommensungleichverteilung und den gesundheitlichen und sozialen Problemen, die daraus entstehen können, denn umso höher die Ungleichheit, umso höher fallen auch die Probleme in diesen Bereichen aus. „Bei sozialer Gerechtigkeit geht es um die kulturellen Normen einer zumutbaren Lebensführung und um die Fragen der Verhältnismäßigkeit. Unverhältnismäßig ist, wenn zwar der ökonomische Lebensstandard >>nur<< relativ absinkt, aber der Preis dafür unabsehbar steigt, im Kontext ungewohnter Zumutungen an Belastung und Stress, Unsicherheit und Zukunftssorgen, Fremdbestimmung und autoritärer Bevormundung“7.

So heißt es in dem Bericht der Bertelsmann Stiftung über die Lebensverhältnisse in der OECD direkt zu Beginn auch: „„Soziale Gerechtigkeit“ ist eine zentrale Kategorie für die Legitimität und Stabilität eines jeden politischen Gemeinwesens“8. Ähnlich schreiben es die Epidemiologen Pickett und Wilkinson (2009, S. 18): „Wenn wir mehr echte Lebensqualität wollen, dann dürfen wir nicht länger nur nach Wirtschaftswachstum und Wohlstand streben, sondern müssen uns Gedanken um die Verbesserung des psychischen und sozialen Wohlergehens unserer Gesellschaft insgesamt machen“9.

Leider ist in Deutschland schon seit einigen Jahren ein Negativtrend zu erkennen, der zeigt, dass die Rate der Depressionen und anderer psychischer Erkrankungen zugenommen hat (Steigerung von 120 % seit 1994 – siehe AOK Fehlzeitenreport 2012)10. Dies könnte u.a. damit zusammenhängen, dass die Wirtschaft weiter wächst, aber die Menschen synchron zumeist nur geringe Gehaltungserhöhungen bekommen, somit nicht an den Gewinnen der Unternehmen partizipieren können, aber gleichzeitig trotzdem mehr Belastungen und Stress ausgesetzt sind: „Laut des Statistischen Bundesamtes ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen von 1991 bis 2005 inflationsbereinigt um 2 Prozent zurückgegangen. Im gleichen Zeitraum wuchs die deutsche Wirtschaft real um fast 21 Prozent“11. Anstelle der Verteilungsgerechtigkeit ist die Ungleichheit also weiter gestiegen, ebenso wie die Rate der Menschen mit Stresssymptomen und psychischen Krankheiten. Dies beeinträchtigt die Lebensqualität und das Glückslevel in Deutschland massiv. Dies bestätigen weitere Forschungen von Helliwell: „This finds that in both the U.S. and Europe increases in inequality have (other things equal) produced reductions in happiness“12. Es gibt also noch viel zu tun in Sachen Gerechtigkeit und Glück, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Glück beruht nur zu einem sehr kleinen Teil auf gesellschaftlicher Gerechtigkeit, doch gerade deswegen sollte dieses Thema nicht einfach vergessen werden. Das Nachdenken über Fragen wie diese kann nur der Anfang sein, Druck auf Politik und Wirtschaft zur Veränderung der bestehenden Verhältnisse könnte ein weiterer Schritt sein, vorausgesetzt man möchte in einer glücklicheren Gesellschaft leben.

  • 1. Bieräugel, Roland / Glatzer, Wolfgang / Nüchter, Oliver / Schmid, Alfons (2010): Der Sozialstaat im Urteil der Bevölkerung. Frankfurter Reihe „Sozialpolitik und Sozialstruktur“ Band 5. Opladen / u.a.: Barbara Budrich Verlag.
  • 2. Bertelsmann Stiftung (2011): Soziale Gerechtigkeit in der OECD – Wo steht Deutschland?: Sustainable Governance Indicators 2011: http://news.sgi-network.org/uploads/tx_amsgistudies/SGI11_Social_Justic…
  • 3. Die es allerdings nur von 1978 bis 1998 gab. Mehr Infos beim Zentrum für Sozialindikatorenforschung und GESIS: http://www.gesis.org/soziale-indikatoren/produkte-des-zsi/wohlfahrtssur…
  • 4. Siehe Bulmahn, Thomas (2000): Vereint auf dem Weg in die gute Gesellschaft?. S. 249 – 272. In: Habich, Roland / Noll, Heinz-Herbert (Hrsg.) (2000): Vom Zusammenwachsen einer Gesellschaft: Analysen zur Angleichung der Lebensverhältnisse in Deutschland. Soziale Indikatoren Band 21. Frankfurt a.M. / u.a.: Campus Verlag.
  • 5. Horn, Christoph (2011): Glück bei Platon. S. 117 – 121. In: Henning, Christoph / Mitscherlich-Schönherr, Olivia / Thomä, Dieter (Hrsg.) (2011): Glück: Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: J.B. Metzler Verlag.
  • 6. Henning, Christoph (2011): Glück in Gesellschaft und Politik. S. 92 – 103. In: Henning, Christoph / Mitscherlich-Schönherr, Olivia / Thomä, Dieter (Hrsg.) (2011): Glück: Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: J.B. Metzler Verlag.
  • 7. Vester, Michael (2001): Von der Integration zur sozialen Destabilisierung: Das Sozialmodell der Bundesrepublik und seine Krise. S. 75 – 121. In: Leggewie, Claus / Münch, Richard (Hrsg.) (2001): Politik im 21. Jahrhundert. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.
  • 8. Bertelsmann Stiftung (2010): Soziale Gerechtigkeit in der OECD – Wo steht Deutschland?: Sustainable Governance Indicators 2011. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_33013_3301…
  • 9. Pickett, Kate / Wilkinson, Richard (2009): Gleichheit ist Glück: Warum gerechtere Gesellschaften für alle besser sind. Berlin: Tolkemitt Verlag.
  • 10. AOK Krankenkasse / Universität Bielefeld / Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO) (2012): Fehlzeiten-Report 2012. Berlin: WIdO. http://www.wido.de/fileadmin/wido/downloads/pdf_pressemitteilungen/wido…
  • 11. Von Koerber, Eberhart (2008): Chancen oder neue Grenzen des Wachstums?: Verträgliches Wachstum für das 21. Jahrhundert. S. 249 – 268. In: Weder di Mauro, Beatrice (2008): Chancen des Wachstums: Globale Perspektiven für den Wohlstand von morgen. Frankfurt a. M. / u.a.: Campus Verlag.
  • 12. Helliwell, John / Layard, Richard / Sachs, Jeffrey (Hrsg.) (2012): World Happiness Report. The earth Institute (Columbia University) / Canadian Institute for Advanced Research / London School of Economics / Centre for Bhutan Studies. http://earth.columbia.edu/sitefiles/file/Sachs%20Writing/2012/World%20H…